Warum Standardwege nicht für alle reichen
Fluchtwege und Treppen sind für Menschen gedacht, die zügig und selbstständig nach draußen gelangen. Für einen Teil der Anwesenden trifft das nicht zu.
Betroffen sind oft mehr Personen als zunächst sichtbar: Rollstuhlnutzer ebenso wie Menschen mit Gehhilfen, Seh- oder Höreinschränkung, mit temporären Verletzungen, sehr kleine Kinder oder Personen, die im Ernstfall Orientierung und Unterstützung brauchen.
Der Bedarf ist zudem nicht immer dauerhaft, sondern wechselt: ein Gast mit Gipsbein, eine hochschwangere Kollegin, eine Grippewelle. Ein gutes Konzept deckt solche Fälle ab, ohne auf einzelne Namen angewiesen zu sein.
In Pflegeeinrichtungen, Kliniken, Schulen, Hotels und öffentlich zugänglichen Gebäuden gehört diese Gruppe zum Alltag und muss von Anfang an mitgedacht werden.
Schon eine einzelne mobilitätseingeschränkte Person genügt, damit das Thema in Ihr Konzept gehört.
Die zentrale Herausforderung: Treppen und Zeit
Aufzüge stehen im Brandfall in der Regel nicht zur Verfügung. Damit wird das Treppenhaus zum Nadelöhr, gerade in den oberen Geschossen.
Eine Person aus einem Obergeschoss zu tragen, bindet mehrere Helfer und kostet Zeit — Zeit, die im Ernstfall knapp ist. Genau dafür braucht es vorab durchdachte Lösungen statt Improvisation.
Am Anfang steht deshalb die nüchterne Frage: Wer könnte im Ernstfall nicht selbstständig ins Freie gelangen, und aus welchem Geschoss? Erst diese Bestandsaufnahme macht die passende Lösung planbar.
Weil sich der Kreis der Betroffenen ständig ändert, sollte diese Übersicht laufend gepflegt werden.
Bewährte Bausteine im Konzept
Für die Räumung mobilitätseingeschränkter Personen haben sich mehrere Ansätze etabliert, die sich kombinieren lassen. Kein Baustein ersetzt die anderen vollständig; ihre Stärke liegt im Zusammenspiel:
- Evakuierungsstühle: spezielle Tragestühle, mit denen sich eine Person die Treppe hinab befördern lässt — nur mit passender Platzierung und geschultem Personal wirksam
- Gesicherte Bereiche / „Rettungsinseln“: baulich geschützte Zonen, etwa in einem anderen Brandabschnitt oder einem geschützten Treppenraum, in denen Betroffene kurzzeitig sicher auf die Einsatzkräfte warten können
- Patenprinzip: jeder mobilitätseingeschränkten Person ist eine feste, benannte Begleitperson samt Vertretung zugeordnet
- Kennzeichnung und Kommunikation: klare Rückmeldung an die Feuerwehr, wer sich wo befindet
Besonderheiten in Pflege und Barrierefreiheit
In Pflege und Klinik lässt sich das Gebäude oft nicht in einem Zug verlassen. Verbreitet ist die horizontale Räumung: Betroffene werden zunächst in einen sicheren Nachbarabschnitt auf derselben Etage gebracht.
Das setzt eine entsprechende bauliche Aufteilung in Brandabschnitte voraus und ein Personalkonzept, das auch nachts mit dünner Besetzung trägt. Ein Ablauf, der nur bei voller Besetzung funktioniert, ist keiner.
Barrierefreiheit betrifft auch die Alarmierung: Nach dem Zwei-Sinne-Prinzip sollten Signale zugleich hörbar und sichtbar sein, damit auch Menschen mit Sinneseinschränkung gewarnt werden.
Auch die Einsatzkräfte profitieren, wenn sie beim Eintreffen erfahren, wer sich noch wo aufhält.
Planung, Übung und Dokumentation
Die Lösungen wirken nur, wenn das Personal sie kennt und beherrscht. Der Umgang mit Evakuierungsstühlen und die Abläufe der horizontalen Räumung gehören deshalb in Unterweisung und Übung.
Sinnvoll ist außerdem, die Zuständigkeiten regelmäßig zu prüfen. Personal wechselt, und eine benannte Begleitperson, die nicht mehr im Haus ist, hilft niemandem.
Ebenso wichtig ist ein datenschutzbewusster Umgang mit der Information, wer Unterstützung braucht: Hilfreich sind Regelungen, die im Ernstfall greifen, ohne Betroffene im Alltag bloßzustellen.
Sinnvoll ist, den Ablauf mindestens einmal praktisch durchzuspielen, statt ihn nur zu beschreiben.
Individuelle Lösungen statt Schema F
Welcher Baustein trägt, hängt stark von Gebäude, Nutzung und Personenkreis ab. Ein Konzept für ein Pflegeheim sieht anders aus als für ein Hotel oder eine Schule.
Oft lässt sich schon mit überschaubaren Mitteln viel erreichen — entscheidend ist, die Lösungen auf die tatsächlichen Wege und Menschen im Haus abzustimmen.
Eine unabhängige Begehung deckt dabei auf, wo Wege, Technik und Abläufe noch nicht zusammenpassen.
Das Brandschutz- und Sachverständigenbüro Schnese entwickelt passende Lösungen für die Räumung mobilitätseingeschränkter Personen, von der Begehung bis zur Übung. Die Ersteinschätzung ist kostenfrei.


